Anmerkung: Dieser Text wurde 2004 verfasst
Wäre Alvy Singer, Woody Allens Charakter aus Annie Hall, ein Pokerspieler gewesen, hätte er sicher nicht darüber gewitzelt, dass es die größte kulturelle Errungenschaft Los Angeles ist, dass es dort erlaubt ist, bei Rot an der Ampel rechts abzubiegen. Es gibt nämlich auch Glücksspiele in LA. Und zwar viele. Die Kartencasinos in LA sind die größten der Welt, gegen sie erscheinen die in Vegas und Atlantic City geradezu lächerlich klein.
Nichtsdestotrotz war ich wenig begeistert von meinem letzten Pokertrip.
Vielleicht ja, weil ich den Großteil meiner Reise in der Stadt Commerce verbracht habe, einem kleinen Ort an der Kreuzung der Freeways 5 und 710. Selbst für LA Standards ist Commerce langweilig. Die Einkaufszentren sind heruntergekommen und die Strassen trostlos, Starbucks und Jack in the Box sind bieten den kulturellen Höhepunkt. Aber in Commerce befinden sich auch das Commerce Casino und das LA Poker Classic.
Ein Casino braucht nicht viel, um in dieser Umgebung nobel, oppulent und stilvoll zu wirken. Dennoch schafft es das Commerce zu enttäuschen. Das Gebäude an sich ist einfach seltsam. Die sehr schlichte Architektur wird unterstrichen von einer Reihe innenbeleuchteter Plastikkegel, die den Eingang umgeben. Nachts strahlen zehn dieser Kegel in gleißendem Rot - offensichtlich wollten die Architekten des Casinos im einen Touch Vegas-Glamour mit Hilfe billiger Weihnachtsdekoration von WalMart verpassen. Ausserdem ist noch ein Busch in Pferdeform zu bestaunen.
Aber ich war nicht im Commerce, um ein Architekturmeisterwerk zu bewundern - ich war dort, um Poker zu spielen!
Die Spiele
Im Commerce gibt es zwei abgetrennte Pokerräume: einen für die niedrigen und mittleren Limits, einen für die hohen. Deine Meinung zum Commerce wird stark davon abhängen, für welchen dieser Räume Du Dich entscheidest. Falls Du $30/60 Limit bzw $10 No Limit oder höher spielst, bedeuetet das, dass Du im high-limit Raum spielen wirst. Dort gibt es freies Essen und kostenlosen Portierservice, beides sehr beeindruckend - der Beschreibung eines Freundes, der dort spielte, nach. Angesichts der Potgrössen, die dort erreicht werden, sind die Platzkosten angemessen: $9 pro halber Stunde an den $30/$60, $10 pro halber Stunde an den $40/$80 Tischen.
Falls Dein Limit aber unter $20/$40 liegt, wird es Dir im Commerce nicht annähernd so gut gefallen. Der Hauptraum hat die Größe eines Flugzeughangars, und trotzdem fühlt man sich beengt zwischen den Dutzenden, dicht an dicht gestellten Tischen. Das Licht ist hell und hart und gibt dem Raum das Aussehen eines überbelichteten Fotos.
Und dann dieser Lärm. Es gibt einige Anzeigetafeln die alle gleichzeitig in Betrieb sind - eine für die Mikrolimits, eine für die niedrigen, eine für $9-$18 und eine für die mittleren Limits - und über das P.A. system werden laufend Spieler von einer schrillen Stimme zu ihren Tischen gerufen. Vermischt mit dem Fussgetrappel kann das schnell zu üblen Kopfschmerzen führen. Eine Session lang sass ich genau neben einer der Anzeigetafeln - es fühlte sich an wie in einem Güterbahnhof!
Für Spiele mittleren Limits beträgt der Rake am vollen Tisch $5 pro Hand. Das ist für Limits von $9-$18 und niedriger ganz beträchtlich! An einigen Tischen fand ich es unmöglich, bei dem Rake zu gewinnen - einmal habe ich eine Session an einem sehr tighten Tisch nach zwei Orbits beendet, als ich bemerkt habe, dass das Haus rund 10% jedes Pots verschlingt.
Im Hauptraum werden auch NL Spiele mit niedrigem Buy-in angeboten. Es gibt $100 Buy-in Tische mit $2 und $3 Blinds und $200 Buy-in Tische mit $3 und $5 Blinds. Soviel ich weiss, ist dies in Südkalifornien so üblich, ich fand diese Struktur jedoch schwer zu schlagen. Mit $3/$5 Blinds beträgt ein Openraise um die $20 - wenn man mit gerade mal $200 beginnt, kann man nach wenigen Händen schon Shortstack sein; ich musste einige Male nachkaufen, um wenigstens ein Paar Chips vor mir liegen zu haben. In einer Session hat es mich Stunden gekostet, bis ich mir einen ausreichend großen Stack erkämpfen konnte, um endlich das aggressive Poker zu spielen, das ich so liebe.
Die Leute
Die meisten Spieler der mittleren Limits im Commerce waren sehr loose und passiv, sie limpten zu oft zu viele Hände und jagten schlechten Draws hinterher. Ab $15/$30 allerdings wurde es schwieriger und die Spieler besser. Mein Freund erzählte, dass die Spielstärke im high-limits Raum stark variierte, meist mit einigen schwachen und einigen sehr starken Spielern an jedem Tisch.
Natürlich wäre keine Reise nach LA komplett, ohne ein paar Promis zu sehen. Toby McGuire, Leonardo DiCaprio und Ben Affleck haben im high-limits Raum NL gespielt. Lou Diamond Phillips und Willie Garson haben an NL Tischen mit niedrigem Buy-in gespielt. Ich hatte das Vergnügen mit einigen der Charakterschauspieler zu spielen, deren Gesichter ich zwar wiedererkannte, ihnen jedoch keine Rollen zuordnen konnte. Nach einigem Überlegen konnte ich einen der Spieler als Bill Macy identifizieren, der mit Beatrice Arthur in Maude gespielt hat. Ein anderer hatte eine glaube ich eine wiederkehrende Rolle in Mork and Mindy, aber da bin ich mir nicht sicher.
Im Commerce tummeln sich auch viele schlechte Schauspieler der weniger glamurösen Art. Während meines Aufenthalts sah ich sogar, wie die Security einen streitlustigen Mann vom Tisch eskortierte. Und während der kurzen Zeitspanne eines Turniers brach ein Faustkampf aus und ein Mann schüttete einem anderen eine Kanne kochendes Wasser übers Hemd. Ich glaube zwar nicht, dass kriminelle Übergriffe im Commerce an der Tagesordnung sind, liegt dennoch oft etwas in der Luft. Viele Spieler sind unfreundlich zu den Dealern und Mitspielern, so dass selbst profitable Tische schnell unangenehm zu spielen sind.
Falls Du also auf den Kick von lauernder Gefahr in der Luft stehst, darauf, ein paar vergessene Sternchen zu treffen oder auf pferdgeformte Büsche stehst, ist das Commerce Casino das Richtige für Dich - wenn auch nur wegen der Vielfältigkeit der angebotenen Spiele. Falls Du aber nach einem Ziel für einen Pokerurlaub suchst, solltest Du nach einem Casino Ausschau halten, wo der Rake nicht so hoch und die Atmosphäre nicht so gespannt ist.
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