Schmulen oder nicht schmulen, dass ist hier die Frage.
Um genauer zu sein, wenn deine Hole Cards ausgeteilt werden. Schaut man sie sich gleich an, wie es einige Spieler empfehlen, oder wartet man bis man dran ist? - das scheint die bei weitem am haeufigsten verbreitete Methode bei den Profis zu sein.
Oberflaechlich betrachtet scheint dies eine belanglose Kleinigkeit deines Pokerspiels zu sein. Aber es ist wichtiger, als man denkt, und die Entscheidung aufgrund einer bestimmten Logik zu faellen wird deine Ergebnisse auf jeden Fall verbessern.
Dem Rat von Texas Holdem Großmeister T.J. Cloutier folgend habe ich zu Beginn meiner Karriere meine Karten immer gleich nach dem Austeilen angeschaut. Cloutier argumentiert, wenn man schnell seine eigenen Karten anschaut, hat man immer noch genug Zeit, die Action um einen herum zu beobachten und ein Gefuehl dafuer zu bekommen, ob die anderen Spieler mit ihren Karten zufrieden sind.
Er argumentiert weiter, dass einem diese Vorgehensweise einen kleinen Vorsprung gibt, um sich eine passende Strategie fuer den weiteren Verlauf der Hand auszudenken. Wenn man zum Beispiel 10-10 in middle position bekommt, soll man einen Raiser aus early position reraisen oder nur callen? Wenn man short stacked ist und A-J bekommt, soll man all-in gehen, wenn um einen herum alle folden? Die Karten schnell anzuschauen gibt einem die Moeglichkeit seine Optionen durchzugehen,und es hat auch noch den Nebeneffekt, dass Tells in Bezug auf die eigene Handstaerke vermieden werden, die man moeglicherweise dann gibt, wenn alle Augen auf einen selbst gerichtet sind.
Das hoert sich nach einem guten Rat an, und ich habe diese Methode einige Jahre lang angewendet. Ich habe ich bemerkt, dass es neben Cloutier noch einige andere Profis gibt, die ihre Karten sofort anschauen, inklusive Barry Greenstein. Trotzdem wurde mir natuerlich irgendwann ein Gegenargument vorgebracht, und es kam von einem Top-Profi, dessen Rat ich sehr schaetze - Phil Gordon. Er hat naemlich waehrend eines WSOP Main Events letztes Jahr auf ESPN gesagt, dass Spieler, die ihre Karten sofort anschauen, fast immer Fische sind, die bereit fuer den Haken sind.
Aua. Aber wenn man sein richtiges Argument fuer das Warten kennt, kann man nicht abstreiten, dass er in gewisser Weise Recht hat. Erstmal verpasst man schon mal etwas von der Action, wenn man seine Hand sofort anschaut, auch wenn es nur eine winzige Kleinigkeit ist. Man ist verdammt dazu, die Action des Spielers, der Under-the-Gun sitzt, zu verpassen, und es koennte sogar passieren, dass man auch den naechsten Spieler verpasst, der in Reaktion darauf vielleicht versucht zu raisen oder zu folden.
Um seine Readfaehigkeit in Bezug auf die Gegner zu verbessern, hilft diese Technik (das Warten) wirklich. Wenn ein Spieler einen Raise bekannt gibt, sollte man sich die Koerpersprache und seine Aktionen genau anschauen. Wenn er an seinen Chips rumfummelt und sie nicht schnell genug in die Mitte bringen kann, hat er wahrscheinlich eine starke Hand. Wenn nun aber ein ziemlich looser Spieler einen Raise ziemlich abrupt bekannt gibt und seine Chips ungefaehr aus Augenhoehe fallen laesst, kann man daraus schließen, dass er wahrscheinlich nicht viel auf der Hand hat.
Welche Methode ist nun die optimale? Den meisten Spielern wuerde ich empfehlen, zu warten bis man dran ist und dann erst die Karten anzuschauen. Es gibt einfach zu viele Spieler, die zu viel von der Action verpassen, waehrend sie die Staerke ihrer eigenen Hand herausfinden wollen. Trotz gegenteiliger Versuche werden auch sie zu einem gewissen Grad immer Informationen ueber die eigene Handstaekre preisgeben. Wenn du 7-2 offsuit haeltst, liegt es einfach in der menschlichen Natur auf den Auto-Fold-Modus zu schalten, zum Beispiel, indem man seine Hand mit den Karten ein wenig zu frueh Richtung Muck bewegt. Auf der anderen Seite wird man vielleicht wie ein Kind aussehen, das am Weihnachtsabend ein brandneues Fahhrad in der Garage gesehen hat, wenn man A-A haelt. Man kann es nicht abwarten, das Fahrrad auszuprobieren, und dieses Gefuehl wird halt durchscheinen.
Wenn du auf einen Kompromiss aus bist, solltest du mit dem Karten anschauen zumindest in den Blinds warten, bis du dran bist. Ich habe einen Freund, der vor kurzem ziemlich weit in einem No-Limit Turnier kam. Als ich ihm dabei aus der Zuschauerreihe zujubelte, fiel mir auf, dass er einen sehr deutlichen Tell zeigte.
Ich wollte ihn natuerlich nicht zu sehr unter Druck setzen, also habe ich versucht, ihm zumindest ein paar Tipps waehrend einer Pause zu geben. Sein Fehler war, dass er seine Karten auch dann frueh anschaute, wenn er in den Blinds war, und es war mehr als klar, ob ihm die Karten gefielen oder nicht. Wenn er nur Muell vorfand, liess er seine Arme auf den Tisch fallen und wartete ungeduldig darauf, dass er endlich folden konnte. Hatte er aber Karten, die ihm gefielen, presste er seine Karten stark gegen die Tischbegrenzung und seine Koerpersprache zeigte eine Kampfposition an, als ob er sagen wollte: "Lass uns endlich anfangen!"
Ich konnte sehen, wie die anderen Spieler ihn intensiv beobachteten, wenn er den Big Blind hatte und sie in late position waren. Wenn seine Arme runterplumpsten, attackierten sie ihn gnadenlos. Wenn er aber munter wirkte, waren sie sehr vorsichtig.
Ein fruehzeitiges Anschauen der Karten im Big Blind kostet dich auch dann Geld, wenn ein Gegner aus dem Small Blind blufft oder raist. Wenn du naemlich schon weißt, dass du A-K suited haeltst und du deinen raise nur eine Milisekunde nachdem dein Gegner seine Chips losgelassen hat, ankuendigst, wird deine schnelle Reaktion ihm anzeigen, dass du ein Monster auf der Hand hast.
Beim Anschauen der Hole Cards ist das Warten wahrscheinlich das schwierigste. Hab nur ein wenig Geduld, und du wirst es nicht bereuen.
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