Als ein psychologischer Berater begegne ich oft Menschen, die die schwerste Zeit ihres Lebens durchmachen. An vielen Tagen höre ich Kindern zu, die ein Elternteil verloren haben, Jugendlichen, die sich selbst mit Rasierklingen schneiden, um einen psychologischen Schmerz zu überdecken und Eltern, die keine Zugang zu ihren Kindern mehr finden können, und berate sie. Wenn diese Personen zum ersten Mal mein Büro betreten, kann ich ihre Emotionen an ihren Gesichtern und an ihrer Körpersprache ablesen. Diese Emotionen sind weitreichend, aber niemals weit von der Oberfläche entfernt. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Wut, Frustration, Empörung und Ratlosigkeit sind tägliche Besucher meiner Welt. Es ist mein Beruf, den Menschen, mit denen ich arbeite, Hilfe und Führung zukommen zu lassen, damit Hoffnung und ein gesundes Selbstwertgefühl in die instabilen Psychen zurückkehren können.
Wenn ich mich aber an den Pokertisch setze, bin ich nicht länger ein Helfer, kein Berater mehr und auch kein Therapeut. Ich bin ein Wettkämpfer. Plötzlich werden all die Emotionen und persönlichen Fehler, die zu bewältigen ich anderen geholfen habe, ironischerweise zu meinen Verbündeten.
Ein deutliches Beispiel hierfür ereignete sich bei meinem letzten Ausflug nach Atlantic City. Eine Gruppe lärmender Studenten drängten auf das Pokerraum-Büro zu. Sie redeten laut, als sie die Liste laufender Pokertische betrachteten. Jeder gab von sich, welchen Tisch er spielen wollte. Ich saß bereits an einem No-Limit-Tisch, aber ich war bereit überall zu spielen, wo ich einen Vorteil hätte. Da sah ich den Typen, bei dem ich sofort wusste, dass ich ihn ausnehmen könnte: Ein großer und magerer Artgenosse, der sich am Ende des rowdie-haften Haufens befand. Auch wenn er mit der Gruppe hierher gekommen war, schlurfte er verschüchtert hinter seinen Kumpeln her. Während die anderen sich zuriefen, welchen Tisch sie wählen würden, sah er zum Boden und ließ seine Schultern herabhängen. Ich konnte seine Persönlichkeit leicht identifizieren, selbst wenn dies nur auch ein paar Blicken beruhte, da ich ja selbst im Spiel war. Er hatte ein geringes Selbstbewusstsein und zweifelte daran, dass er beim Poker gewinnen könnte (oder in seinem Leben). Er war ein Mitläufer, kein Führer. Man sah deutlich, dass er sich im Casino nicht wohl fühlte und ich wusste, dass er einknicken würde, wenn er am Tisch einem raise begegnen würde. Als seine Kollegen und er ihre Plätze an den Tischen einnahmen, bat ich sofort darum, an denselben Tisch wie dieser zahme Typ umgesetzt zu werden.
Ich musste kurz warten, bis ein Platz an seinem Limit Hold'Em-Tisch frei wurde. In dieser Zeit drehte ich immer wieder meinen Kopf, um ihn (und die Leute bei ihm am Tisch) aus der Ferne zu beobachten, wissend dass ich bald an dem Tisch sitzen würde. Meine Beobachtungen festigten meine ersten Eindrücke und ich geiferte schon, wenn ich daran dachte, gleich gegen ihn zu spielen. Als der Floorman mich zu dem Tisch rief, musste ich schon einwenig in mich hinein kichern. Dieser Typ hätte gut ein Patient von mir sein können. Ich konnte mir deutlich vorstellen, mit ihm daran zu arbeiten selbstsicherer und durchsetzungsfähiger zu werden.
An statt dessen spielte ich die Rolle eines Poker-Raubtieres, das versuchte, die Schwächen auszunutzen, die ich normalerweise zu beseitigen helfe. Jetzt tat ich genau das Gegenteil - ich senkte sein ohnehin geringes Selbstwertgefühl noch weiter, in dem ich seine Schwächen gegen ihn ausspielte.
In der Vergangenheit habe ich oft versucht, mich für ein solches Verhalten zu rechtfertigen. Ich versuchte mich selbst zu überzeugen, dass ich das "Recht" hatte, sein Geld zu gewinnen, indem ich seine psychologischen Schwächen ausnutzte. Manchmal glaubte ich, ihm so eine wertvolle Lehrstunde zu verpassen. Ein anderes Mal versuchte ich meine Selbstkritik abzumildern, indem ich ein paar ermutigende Worte zu den Geschlagenen sprach.
Heute fühle ich mich nicht mehr dazu genötigt, diese schwachen Bemühungen anzustellen, meiner Schuld zu entgehen. Diese Versuche waren bloß durch das Bedürfnis motiviert, in die Rolle des psychologischen Beraters zu schlüpfen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass meine psychologischen Fähigkeiten mir in zwei verschiedenen Rollen nützlich sind. In meinem Beruf nutze ich meine Einblicke in das Gefühlsleben meiner Patienten, um ihnen Hilfe und Rat zu bieten. Bei meinem Hobby, dem Pokern, nutze ich diese Fähigkeiten, um schwache Spieler zu attackieren und ihr Spiel zu beeinflussen.
Mein großer, dürrer Gegner war genauso einfach zu beeinflussen, wie ich vermutet hatte. Ich saß nahe bei ihm und versuchte gleich zu Beginn, ein Gespräch anzufangen. Er antwortete hastig und beinahe unhörbar leise. Er scheute den Augenkontakt zu den anderen am Tisch. Er dachte zuviel nach, was dazu führte, dass er Hände foldete, die er besser gespielt hätte. Ich versuchte, fast jede Hand zu spielen, in der auch er spielte. Ich wollte ihn isolieren und dann angreifen. Wenn er Zeit brauchte, um eine Entscheidung zu treffen, quatschte ich ununterbrochen. Ich forderte ihn indirekt dazu heraus, zu callen oder zu erhöhen. Ich vertraute ganz auf seine offensichtliche Unsicherheit. Er wollte Konfrontationen vermeiden. er vertraute nicht auf seine Fähigkeiten oder auf sich selbst. Zwangsläufig foldete er Hände, um dem psychischen Druck zu entgehen, den ich ausübte. Ein erfahrener Spieler am Tisch folgte meinem Beispiel und übte ebenfalls Druck auf den Typen aus, wann immer es möglich war.
Die Poker-Persönlichkeit ist die Verlängerung unseres wahren Ichs. Kleinlaute und schüchterne Persönlichkeiten außerhalb des Pokertischs sind leichte Gegner am Tisch. Die, die ein zu großes Selbstbewusstsein haben und sehr von sich eingenommen sind, wenn sie sich nicht am Pokertisch befinden, werden oft ebenso leichte Gegner sein, weil sie anfällig dafür sind, zu tilten und loose zu spielen. Poker ist das ultimative Spiel des Intellekts, der Wahrscheinlichkeit UND der Psychologie. Die Wahrscheinlichkeit kannst Du nicht beeinflussen. Dein Poker-Verstand und Wissen kann vergrößert werden, indem Du Bücher, Magazine liest und Erfahrung beim Spielen sammelst. Sich die Psychologie beim Poker zu Nutze zu machen ist der ultimative (und schwierigste) Schritt, sein Spiel auf ein höheres Niveau zu heben. Denk darüber nach, was dazu nötig ist, um dorthin zu gelangen und dann verwirkliche es!
Der Author, John, ist nicht nur ein Poker-Liebhaber, sondern vor allem auch ein zertifizierter Berater für Psychologie (National Certified Counselor). Er hat einen Master-Abschluss in psychologischer Beratung an der West Virginia University, und einen Bachelor in Psychologie mit Nebenfach Soziologie an der Lock Haven University. Wenn Du mehr über die Psychologie des Pokerns herausfinden möchtest, nimm Kontakt mit dem "Poker Counselor" auf (carlisle14@hotmail.com) oder im Poker-Psychologie-Forum auf www.pokerstrategyforum.com.
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