Die Spieler am Tisch einschätzen zu können ist eine der wichtigsten Fähigkeiten beim Poker. Das gilt auch für das Lesen von Leuten im "echten Leben". Oft wird (wohl aus politischer Korrektheit) gesagt, dass man Leute nicht nach ihrem Aussehen beurteilen sollte. Wenn man behauptet, ein Buch nicht nach seinem Cover zu beurteilen, klingt das vielleicht toll, aber es stimmt in den allermeisten Fällen einfach nicht. Tatsächlich lehrt uns die Psychologie, dass wir alles und jeden beim ersten Kontakt einschätzen und beurteilen. Wer lernt, wie man Spieler "liest", also einschätzt, und welche Fehler dabei passieren können, kann dadurch bessere finanzielle Ergebnisse beim Pokern erwarten.
Das erste Urteil
Es ist ganz ganz normal und uns angeboren, dass wir Erwartungen auf Dinge (und Personen), denen wir begegnen, projezieren. Zum Beispiel werden wir einen Teller mit Essen, der uns serviert wird, zunächst allein aufgrund seines Aussehens beurteilen. Wir denken: "Das sieht lecker aus!" Dabei ist Geschmack eine Sinneswahrnehmung, die nichts mit dem Sehen zu tun hat, aber Erfahrungen aus der Vergangenheit erlauben es uns, Essen beim ersten Anblick allein nach dem Aussehen einzuschätzen. Ähnlich verhält es sich, wenn ein junges Pärchen die Straße entlang geht und dabei einen Hund sieht, der über den Rasen des Nachbars auf sie zu läuft. Der Mann, der Hunde mag, schätzt den Hund als friedlich ein (aufgrund seines Aussehens und Verhaltens) und will sich zum Hund herunterbeugen, um ihn zu streicheln. Die Frau jedoch schätzt die Situation anders ein, da sie andere Erfahrungen mit dem Anblick eines Hundes verbindet, und zieht den Mann weg. Obwohl beiden Personenn genau die gleichen Informationen zur Verfügung standen, um den Hund zu "lesen", fielen ihre Reaktionen sehr gegensätzlich aus.
In einem Casino versuchen alle Spieler die anderen am Tisch einzuschätzen, sofort nachdem diese ihren Platz eingenommen haben. Beim Online-Poker wird dies sehr erschwert, da uns die Verhaltensweisen und das Aussehen der anderen Spieler verborgen bleiben. Dennoch versucht unser Hirn, sich so bald wie möglich ein Urteil über die Gegner zu bilden.
Zu große Selbstsicherheit stört die Objektivität
Nachdem wir uns ein vorläugies Urteil gebildet haben, beginnen wir damit, dieses zu überprüfen. Dabei neigen wir dazu, nicht mehr obkjektiv zu sein, sondern wir haben den Drang, unser erstes Urteil zu bestätigen. Es ist ein großartiges Gefühl, richtig zu liegen und zutreffend zu urteilen. Dies verleitet uns dazu, Sachverhalte zu ignorieren, die gegen unsere erste Einschätzung sprechen. Wenn man herausfindet, dass die erste Einschätzung falsch war, führt dies zu einer kognitiven Dissonanz, ein unangenehmes Gefühl, all das, was man zuvor als richtig betrachtet hat, erneut beurteilen zu müssen. Mit anderen Worten: Wenn man erwartet hat, dass das Essen gut schmecken wird, wird man beim Essen eher die Eigenschaften des Essens wahrnehmen, die diese Erwartung bestätigen. Schmeckt das essen aber furchtbar und man findet überhaupt keine Bestätigungen für das erste Urteil, ist man gezwungen, dies zu verwerfen. Diese entmutigende Erfahrung kann das nächste Urteil über einen Teller mit Essen beeinflussen.
Das Lesen der anderen beim Poker
Der geschilderte "Read"-Prozess (=Einschätzungprozess) hat einen großen Einfluss auf das Online- und Live-Poker. Spielst Du online, versucht dein Hirn ganz automatisch, die anderen Spieler einzuschätzen, verzweifelt jedoch daran, weil im Internet viele wichtige Informationen fehlen. Wir können die Gegner nicht sehen und ihr Verhalten beobachten. Dabei verschafft uns gerade dies in einem "echten" Spiel die besten Einblicke. Das verleitet viele Spieler dazu, sich ein vorschnelles und selten zutreffendes Urteil auf Basis der wenigen verfügbaren Informationen beim Online-Poker (Screenname, Avatar, Chat oder das Spiel nach nur wenigen Händen) zu bilden. Solltet auch ihr so vorgehen, kann dies gefährlich und teuer werden.
Auf der anderen Seite könnt ihr dieses Wissen auch zu Eurem Vorteil nutzen. Es ist offensichtlich, dass ein Screenname wie "Wild_Turkey" oder "Bluffman" schnell Vorurteile bei den Gegnern weckt. Wenn ihr viele Caller wollt, sendet Informationen, die Euch wild und loose erscheinen lassen. Denkt daran, dass die meisten Spieler sich auf Basis solcher Informationsfetzen feste Urteile von Euch machen. Es bedeutet schon eine geistige Anstrengung, sich nicht zu vorschnellen Urteilen verleiten zu lassen und eigene Einschätzungen immer wieder zu überdenken. Und die meisten Spieler scheuen diese Anstrengung. Verstehe und kontrolliere Deine Reads während Du aus den falschen Reads Deiner Gegner, Kapital schlägst. Und jetzt: Probiert es aus und setzt es um!
Der Author, John, ist nicht nur ein Poker-Liebhaber, sondern vor allem auch ein zertifizierter Berater für Psychologie (National Certified Counselor). Er hat einen Master-Abschluss in psychologischer Beratung an der West Virginia University, und einen Bachelor in Psychologie mit Nebenfach Soziologie an der Lock Haven University. Wenn Du mehr über die Psychologie des Pokerns herausfinden möchtest, nimm Kontakt mit dem "Poker Counselor" auf (carlisle14@hotmail.com).
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